Interview: Bürgermeister Wagner zur Schützenwiese

Eines der bestimmenden Themen Vareler Politik ist derzeit die Zukunft der Schützenwiese. Durch den Verkauf an die Bünting-Gruppe hofft man bei Ratsmehrheit und Verwaltung auf Einnahmen von mindestens 3 Millionen Euro. Geld, das dringend für einen gewissen Spielraum im investiven Bereich des Vareler Haushalts benötigt wird.

Auf der anderen Seite stehen Bürger, die sich um die Zukunft der Festkultur – Stichwort Kramermarkt – ihrer Stadt sorgen und Kaufleute in der Innenstadt, die die Konkurrenz aus der Vorkassenzone eines großen Famila-Marktes fürchten.

Das Varelblog hat jetzt den Bürgermeister Gerd-Christian Wagner mit Fragen zur Zukunft der Schützenwiese und den teilweise etwas diffusen Vorstellungen in der Bevölkerung konfrontiert. Ergebnis ist ein umfangreiches Interview, dass manche Frage klärt aber vielleicht auch neue aufwirft. Wir freuen uns auf eine intensive Diskussion in den Kommentaren.

Varelblog: Herr Wagner, in Rat und Verwaltung scheint es ja nun sehr konkrete Überlegungen für einen Verkauf der Schützenwiese zu geben. Wer kommt als Käufer in Frage, was könnte auf dem Gelände entstehen und welche Bedeutung hat das für Varel?

Gerd-Christian Wagner: Zu dieser Frage muss ich etwas weiter ausholen. Varel hat in punkto Schützenwiese mehrere Probleme, die, so habe ich zumindest den Eindruck, alle möglichst sofort gelöst werden sollen.

Zum einen ist das der Kramermarkt: Seit Jahren wird am Kramermarkt “herumgedoktort”. Wir können feststellen, dass unser Kramermarkt nicht den Charakter wie der Ronnkarker Markt oder der Zeteler Markt hat. In Varel gibt es das ganze Jahr über viele Veranstaltungen, die den Bürgerinnen und Bürgern dargeboten werden. Frühlingsfest, Kramermarkt, Pferdemarkt, Kürbisfest und den viertägigen Weihnachtsmarkt, wobei letzterer jetzt durch den fast vierwöchigen Adventsmarkt der Werbegemeinschaft, unterstützt von der Stadtmarketinggesellschaft, abgelöst wird.

Zwischendrin gibt es unseren Mittwoch-Live. In Dangast locken das Hafenfest und das Dorffest, am Vareler Hafen das Schleusenfest. Diese Festlandschaft wird noch von vielen Vereinsfesten umrahmt. Der Bunte Abend der KG Waterkant, die Bälle von TuS Büppel und TuS Obenstrohe, und ich habe bestimmt noch einige vergessen. Ist unser Kramermarkt denn wirklich so schlecht, oder wird er nur schlecht geredet? Und: Muss ein Kramermarkt auf dem jetzigen Schützenwiesengelände stattfinden? Würden Kramermarktbesucher, wenn er denn attraktiver wäre (und dass könnten ja nur eine geschlossene Bebauung und Großfahrgeschäfte sein), den Markt nicht auch an einer anderen Stelle aufsuchen?

Zum zweiten geht um die Innenstadt: In den letzten Jahren hat sich unsere Innenstadt verändert. Die Konkurrenz durch ein ausgeweitetes Angebot in anderen Städten unserer Region, altersbedingte Geschäftsaufgaben, ein geändertes Kaufverhalten – Stichwort Internet – und weitere Gründe haben dazu geführt, dass Kaufsegmente nicht mehr bedient werden können. Einzug haben Geschäfte gefunden, die weniger Kunden aus der Region nach Varel ziehen. Das Argument, wenn Famila sich erweitert, dann sterben in der Innenstadt die Läden, wird durch nichts belegt. Den Fehler, wie ihn Brake gemacht hat, werden wir in Varel nicht begehen.

Varelblog: Seitens einiger Kritiker einer Famila-Erweiterung wird ein Abfluss von Kaufkraft aus der Innenstadt befürchtet. Befürworter hoffen im Gegenteil auf eine Belebung der Innenstadt. Gibt es schon belastbare Überlegungen, wie man das Famila-Gelände mit der Innenstadt attraktiv verknüpfen könnte?

Wagner: Ich frage mich, ob es hier wirklich Verknüpfungen gibt. Sicherlich, wenn wir im neuen Famila-Markt ein Optiker-Geschäft zulassen würden, würde sicherlich der Umsatz in der Innenstadt betroffen sein, weil Kunden, die ihren alltäglichen Einkauf bei Famila erledigen, das eventuell zum Kauf einer Brille nutzen würden.

Dafür wollen wir aber gerade ein Einzelhandelsentwicklungskonzept erstellen. Darin werden Sortimente definiert, die dann, weil innenstadtrelevant, in einem Bebauungsplan für Famila ausgeschlossen werden könnten.

Gleichwohl sollten Maßnahmen ergriffen werden, um Famila-Besucher in die Innenstadt zu locken. Da sind sicherlich die Einzelhändler in der Innenstadt aufgefordert Überlegungen anzustellen. Unternehmen müssen die Unternehmer etwas. Ein hervorragendes Beispiel ist m. E. das Modehaus Schnittger.

Städtischerseits könnten die Wegebeziehungen zur Innenstadt verbessert werden. Ein attraktives Cafe mit Aufenthaltsqualität auf dem Weg von Famila zur Innenstadt. Vielleicht ist es auch die urige Bratwurstbude, die den Weg in beide Richtungen ebnet.

Aber eines muss uns klar sein. Wir brauchen wieder mehr Kunden in unserer Innenstadt, losgelöst von einer Famila-Erweiterung. Jungen Unternehmern sollten durch günstige Mieten die Möglichkeit eröffnet werden, wieder ein Geschäft zu eröffnen. Leider scheint zurzeit bei einigen Vermietern eher der kurzfristige Aspekt den Ausschlag zu geben. Ich bewundere diejenigen, die den Mut aufbringen, mit einem kleinen Laden zu beginnen. Sei es Wein, ein Rahmengeschäft oder der Naturkostladen. Davon brauchen wir mehr in Varel. Und wer hielte uns in Varel ab, Geschäftseröffnungen mit einem Starterbetrag zur Einstellung einer Hilfskraft zu fördern? Wäre es nicht überlegenswert, gastronomische Betriebe in der Innenstadt 40 qm Wegefläche, sofern sie zur Verfügung steht, kostenfrei für drei Jahre zu überlassen?

Varelblog: Als Investor ist bisher ausschließlich Famila bzw. die dahinter stehende Bünting-Gruppe im Gespräch? Die aktuelle Famila-Immobilie ist jedoch nicht im Besitz der Bünting-Gruppe. Müsste daher nicht auch mit anderen Investoren gesprochen werden?

Wagner: Die Bünting-Gruppe und der Eigentümer der Immobilie arbeiten schon seit Jahren zusammen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die bestehenden geschäftlichen Beziehungen aufgekündigt werden. Da der Investor nur auf Veranlassung von Famila den Erwerb der Schützenwiese in Erwägung zieht, sehe ich keinen anderen Investor.

Varelblog: Die Vareler haben schlechte Erfahrungen mit dem Verkauf von Tafelsilber. Der Verkaufserlös aus dem Klärwerk scheint sich mittlerweile in Luft aufgelöst zu haben. Wie kann man sicherstellen, dass der Erlös aus der Schützenwiese wirklich für investive Vorhaben – etwa für die Umwandlung der Friesland-Kaserne – Verwendung findet?

Wagner: Hier müssen wir korrekt bleiben. Der Barerlös aus dem Verkauf ist in die städtische Rücklage geflossen. In den letzten Jahren ist diese Rücklage langsam für investive Maßnahmen verbraucht worden. Straßenbau, Kinderkrippen, Innenstadtsanierung sind nur einige Maßnahmen. Auch in Zukunft wird das Geld nicht für den laufenden Betrieb ausgegeben. Hier gibt es ganz klare gesetzliche Vorgaben. Das Gerücht wird aber schwer wieder aus den Köpfen heraus zu holen sein.

Varelblog: Man hört von Überlegungen, Famila oder einen ähnlichen Markt statt am aktuellen Standort im Bereich Post und Rathaus anzusiedeln. Die Gebäude der Post und das Rathaus müssten dafür weichen. Was halten Sie davon?

Wagner: Sicherlich eine charmante Idee, die wir schon vor mehreren Jahren auch durchgespielt haben. Es scheitert aber am absolut unbezahlbaren Telekomstandort (der Kostenaufwand für die Leitungsverlegung von über einer Million Euro wäre viel zu hoch), an dem nicht ausreichenden Raumangebot und an dem fast unlösbaren Verkehrsproblem, da ein Abfließen des Verkehrs in Richtung Wesermarsch/Oldenburger Str. nicht funktionieren würde.

Varelblog: Die Erschließung des Geländes ist derzeit nicht wirklich befriedigend. Gibt es dafür schon Pläne und wie wird sich das auf den Verkehrsfluss auf der Bundesstraße auswirken?

Wagner: Dass stimmt! Es ist angedacht, eine weitere Zufahrt bei Grimms Mühle zu schaffen. Hier könnte der Verkehr in beide Richtungen abfließen.

Varelblog: Der Vareler Kramermarkt konnte nie mit dem Großfahrgeschäfterummel auf dem Roonkarker Markt oder dem Charme der Volksfeste in Bockhorn oder Zetel mithalten. Dennoch gibt es viele Vareler, die sich den Kramermarkt in alter Form zurück wünschen. Welche Perspektive entwerfen Sie für diese Interessengruppe?

Wagner: Glauben Sie mir, den Kramermarkt in alter Form wird es nicht mehr geben. So etwas wächst über Jahre. In Varel hat man den Weg in die Innenstadt gesucht. Da man hier immer wieder den Sorgen einzelner Gruppen Rechnung tragen musste, haben wir mittlerweile einen “abgemagerten” Kramermarkt in der Innenstadt. M. E. gibt nur eins: Wir schaffen eine neue, multifunktionale Festwiese mit einem großzügigen Parkplatzangebot, auf der ohne störende Nebenwirkungen auf Dritte ein zukunftsfähiger Kramermarkt – und natürlich noch andere Aktivitäten – möglich wären. Ich hoffe nur, dass alle, die sich jetzt beklagen, auch Stammgäste des Kramermarktes werden!

Den neuen Festplatz könnten wir zeitgleich mit der Famila-Erweiterung bauen. Dafür wäre allerdings auch ein Erlös erforderlich. Sie sehen, das Tafelsilber wird in neues Tafelsilber eingetauscht. Im Übrigen: Die Verlagerung des Kramermarktes auf die Schützenwiese würde ca. 150.000 € kosten, da heute ganz andere Anforderungen an die Versorgung gestellt werden.

Varelblog: Dem Kramermarkt in der Innenstadt mangelt es an Großfahrgeschäften. Wirklich zwingende Alternativen zu diesen Besuchermagneten fehlen aber auch. Hat der Markt in dieser Form eine Perspektive?

Wagner: Hier kann ich ihnen eine klare Antwort geben: In dieser Form hat der Markt für mich ganz persönlich keine Perspektive. Für mich gehört er auf eine neue Festwiese mit gutem Parkplatzangebot, so dass dort Großfahrgeschäfte platziert werden können. Auf diesem Platz können dann alle anderen Veranstaltungen, wie Zirkus, Pferdemarkt etc. abgehalten werden.

Varelblog: Auf der Schützenwiese hat gerade einmal wieder ein Zirkus seine Zelte aufgeschlagen. Im Blog für Varel wird die Frage aufgeworfen, wo solche Veranstalter nach dem Verkauf der Schützenwiese ein attraktiven Platz finden können?

Wagner: Auch in der Zukunft muss es natürlich einen solchen Platz geben. Ich halte einen Platz im Kasernengelände, das zukünftig einen ganz anderen Charakter haben wird, für richtig. Die Stadt kann es sich zurzeit nicht leisten, einen Platz in zentraler Lage über 340 Tage leer stehen zu lassen. Für mich sieht er eher trostlos aus. Außerdem ist das betriebswirtschaftlich nicht zu verantworten.

Varelblog: Wie stehen Sie zu den Personen, die massiv an den alten Gegebenheiten festhalten wollen?

Wagner: Ich glaube, dass Varel schon viel zu lange nichts getan hat. Natürlich wollen Vermieter der Innenstadtimmobilien den Menschen weiß machen, dass Veränderung hier etwas Schlechtes ist. So bleibt alles beim Alten, solange es denn läuft. Aber schauen Sie sich an, was Stillstand bewirkt hat! Mit dem Fachmarktzentrum haben wir gerade etwas geschaffen, was Varel in den Augen der Region attraktiv macht. Daran möchte ich anknüpfen und Varel wieder zu der Einkaufsstadt unserer Region machen. Das Beispiel McDonalds zeigt, dass die Menschen dieses Angebot annehmen.

Varelblog: In Leserbriefen wird die Stadt Varel aufgefordert, die Schützenwiese mit Aktionen zu füllen. Damit könnte die Stadt dann Einnahmen erziele. Wie stehen Sie dazu?

Wagner: Davon halte ich nichts. Die Schützenwiese stand den Menschen seit Jahrzehnten zur Verfügung. Offensichtlich bestand nie ein Bedarf, die Wiese zu nutzen. Allein der Aufwand, der betrieben werden muss, um alles zu organisieren, ist enorm und wird die Erlöse aufzehren. Wer das fordert, muss mir beweisen, dass sich so etwas lohnt. Bloße Behauptungen reichen da nicht.

Varelblog: Erweiterungen von Verbrauchermärkten sind kein neues Phänomen. In Jever gibt es bereits Ähnliches. In Brake ebenfalls. Stehen sie in Kontakt mit den dort politisch Handelnden und welche Erfahrungen wurden dort gemacht.

Wagner: Natürlich spreche ich mit meinen Kollegen in Jever undBrake. In Westerstede beispielsweise, wo Famila ebenfalls in einiger Entfernung zur Fußgängerzone ausgebaut hat, ist eine Belebung zu verzeichnen. M. E. wurde in Jever und Brake zu weit vor den Toren der Stadt gebaut. Dies machen wir in Varel nicht. In Varel haben wir zwar eine Bundesstraße, die eine trennende Wirkung hat, aber dies ist vor dem Hintergrund der Veränderungen im Rahmen des JadeWeserPorts auch der Veränderung unterworfen. Varel braucht eine Umgehung. Leider ist diese Planung, die schon seit 1976 im Flächennutzungsplan enthalten ist, nie in Angriff genommen worden, obwohl sie zu einem Großteil gefördert worden wäre. Schade, aber daran werde ich arbeiten!

Varelblog: Abschließend möchten wir Sie bitten, einmal Ihre Vision für die Schützenwiese und die nahe gelegene Innenstadt zu entwerfen. Wie werden wir in 5 Jahren in Varel einkaufen.

Wagner: In fünf Jahren ist der JadeWeserPort am Netz, die Verkehre werden zunehmen, und unsere Region wird die A20 und die Stadtumgehung dringend einfordern, da uns sonst ein Verkehrskollaps droht. Bis dahin haben wir es aus den Erlösen aus dem Verkauf der Schützenwiese geschafft, eine Kasernenkonversion anzuschieben. Die neue Festwiese ist gerade der Bestimmung übergeben worden.

Familas Erweiterung feiert gerade das einjährige Bestehen. Das Sortiment ist im Rahmen eines moderierten Gespräches zwischen Famila und Einzelhändlern entstanden und im Bebauungsplan festgeschrieben.

Das neue Cafe auf dem Spülteich ist ein Hingucker geworden. Im Sommer Cafe und leckeres Eis, im Frühling und Herbst leckere Bratwurst, im Winter Glühwein. Die Dachterrasse bietet einen tollen Blick auf den Verkehr.

Ein neues Tor zur Innenstadt ist mit dem neuen Postgebäude entstanden. Private Investoren aus der Stadt haben hier um die Postfiliale herum ein attraktives Angebot geschaffen, umrahmt von junger Kunst, dass auch die Gestaltungselemente der Innenstadtsanierung aufnimmt. Viele Kunden kommen nach Varel, weil junge Unternehmer mit neuen Geschäftsideen die Innenstadt beleben. Die Wirtschaftsförderung der Stadt ist hier Ideengeber geworden.

Die beim Umbau der Fußgängerzone neu gestalteten kleinen Marktplätze, die immer wieder neue kreative Ideen nach Varel bringen, sind neben den einzigartigen Kunstgegenständen aus der abgeschlossenen Stadtsanierung etwas Unverwechselbares für Varel geworden.

Die Innenstadt ist mit Famila zusammen gewachsen. Der zwischen Famila und Innenstadt entstandene Informationspavillion der Stadtverwaltung bietet mit seinem Gartenambiete eine Ruhezone. Zwar mussten dafür einige Parkplätze weichen, aber mit den Parkplätzen bei Famila und beim neuen Postgebäude stehen ausreichend freie Parkplätze zur Verfügung.

Ach ja, den Touristen unserer Stadt stehen für einen Euro zehn unverwechselbare Räder zur Verfügung, die erst wieder in vier Stunden abgegeben werden müssen.

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Der Kramermarkt wird auch seine Anziehungskraft entfalten wer er nicht in unmittelbarer Nähe der Innenstadt stattfindet. Wenn eine Ausgleichsfläche entstehen sollte dann müsste diese mindestens die Größe der Schützenwiese haben. Und ganz wichtig finde ich das in den ersten 2-3 Jahren an neuem Standort die Schausteller mit großen Fahrgeschäften gelockt werden müssen mit finanziellen Nachlässen.
    Denn Varel ist für viele Schausteller von weiter her nicht interessant genug und das muss geändert werden, denn viele kommen einmal nach Varel und nie wieder.
    Hier hat die Stadt den Markt kaputtgespart und kaputtorganisiert.

    Auch muss wieder dazu übergegangen werden das sich die Bürger mit ihren Märkten identifizieren und sie leben. Nicht nur nebenbei sondern so wie die Bockhorner und Zeteler ihre Märkte LEBEN und sie mit leben füllen.

    Das ist das größte Problem

    Warum??
    Letztes Jahr gab es den Tag der Vereine und von einem Schausteller erfuhr ich das sich da nur 1-2 Vereine gemeldet hätten und da müssen sich die Vareler Bürger auch fragen lassen warum sie ihre Märkte nicht unterstützen sondern es als gegeben hinnehmen

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